Die Geschichte von einem Vogel und der Sünde, das
Unscheinbare zu verachten
An einem verregneten Septembertag kommt in einem
alten Katen am Waldrand der kleine Pierre zur Welt. An diesem Tag
scheint der Wald wie ausgestorben. Kein lebend Wesen streift durch die
dichten Bäume. Nur da auf dem schmalen Weg vor dem Katen
springt ein kleiner Vogel mit schwarzer Augenmaske, weißem
Bauch und rostrot- braunen Flügeln. Ein Lanius collurio, der
eifrig damit beschäftigt ist, die durch den Regen aus dem
Boden kriechenden Würmer zu sammeln, um sie dann auf kleine
Dornen zu spießen und sie somit seinem Weibchen als
Liebesgabe darzubieten, welche sehnsüchtig irgendwo im
Geäst des Waldes wartet. Dieser Vogel nennt sich
"Neuntöter".
So missachtet Pierres Dasein bei seiner Mutter Johanna ist, so
unbeachtet soll auch sein Leben verlaufen.
Als "Teufelsbrut" bei seiner Mutter verhasst, ringt Pierre nach
Aufmerksamkeit und findet sie im Gesang der Vögel des Waldes
und in Maria, einer alten Frau, die ihn ab und zu besucht. Die
Einsamkeit und Stille des Waldes und die lethargische Anwesenheit
seiner Mutter ,die nie mit ihm spricht, lassen Pierre die Seele des
Unscheinbaren entdecken. Pierre wächst heran und lernt
schnell, dass die Menschen in ihrem Denken einfacher sind, als sie
durch ihre Äußerlichkeiten scheinen. Wie dumm sie
doch alle in ihrer Arglosigkeit wirken ,in ihrem wunderschönen
Aufzug und ihrer Ich-Gefälligkeit. Diese Primitivlinge, die
sich anmaßen, über einen Menschen zu lachen, nur
weil sein Erscheinungsbild einfach ist und nicht dem ihren gleicht. So
unscheinbar die Gestalten des Waldes auch sein mochten, ihr Gesang
machte ihre Einfachheit zu etwas Großartigem. Beurteilte man
einen Menschen nach seiner Äußerlichkeit, ohne sich
auch nur einmal die Mühe zu machen, ein wenig hineinzuschauen?
Diese Menschen würden sich diese Mühe nicht machen,
davon war Pierre überzeugt. Sie schwelgten in ihrer
Oberflächlichkeit und ihrer einfachen Art zu denken und zu
urteilen.
Mit etwa sieben Jahren entdeckt Pierre in sich eine "Person", die er
bisher nicht kannte. Sein zweites "Ich".
Es ruht in der "Bibliothek der auditiven Genüsse" und tritt
immer dann hervor, wenn Menschen die Sünde begehen, "das
Unscheinbare zu verachten". Dieses "Ich" wächst heran ,reift
und ergreift mit der Zeit mehr und mehr Besitz von Pierres Denken und
Handeln und es beginnt, über die Sünder zu richten.
Ein Todesfall gibt der Polizei und dem Kriminalbeamten Karl Kryo
Rätsel auf. Pierres Mutter wird mit einem durch den Leib
gerammten Pflock in ihrer Wohnung gefunden. Neben ihr liegt eine Feder
- die eines Neuntöters. Die Morde häufen sich in der
Stadt und immer wieder findet man die Toten auf die selbe Art
hingerichtet mit einer Feder neben sich. Keine Spur und kein Hinweis
deuten auf den Täter .Die Polizei ist machtlos. Bis zu dem Tag
,als der pensionierte Professor für Historik
Janusch Winschel der Polizei ein altes Buch aus dem Jahre 1850
übergibt. Es ist ein altes ,vergilbtes Schriftstück
mit dem Titel "Verachte nie das Unscheinbare", in dem über
eine Frau namens Maria berichtet wird, die 1742 lebte und sich eines
Jungen annahm ,den sie - ausgesetzt in einem Weidenkorb - im Wald fand.
Sie nannte ihn Pierre, wie den Singvogel mit der schwarzer Augenmaske,
dem weißen Bauch und den rostrotbraunen Flügeln, den
sie immer bei sich auf der Schulter trug. Sie liebte diesen Jungen wie
ihr eigenes Kind. Den Menschen jedoch war er wegen seines
hässlichen Äußeren verhasst. Eines Tages
fand sie ihn erschlagen vor dem alten Katen, in dem sie lebten,
hingerichtet von den Menschen, die das "Unscheinbare verachteten" und
ihm das Recht auf Leben absprachen, nur weil sein Erscheinungsbild
einfach war und nicht dem ihren glich. Maria wurde 1753 auf dem
Scheiterhaufen verbrannt, weil sie einen Fluch aussprach. Ein Fluch der
besagt, dass alle 100 Jahre ein Junge geboren werde, der über
Menschen richten wird, die die Sünde begehen, zu verkennen,
dass auch das Einfache eine Seele hat. Eine Seele, die geliebt werden
will und deren äußerlicher Mantel nie
verrät, wie viele Schätze sein Inneres verbergen. Der
sonst so realistisch denkende Karl Kryo nimmt sich diesen Fall an und
sucht nach dem Schlüssel, der diesen Fluch bannt. Er kann das
zweite "Ich" in Pierre nur besiegen, indem er erkennt, was hinter der
unscheinbaren Fassade dieses Jungen steckt. Er entdeckt die "Bibliothek
der auditiven Genüsse", stellt sich Pierres zweitem "Ich" und
findet dort den Schlüssel....."die Entdeckung der Seele des
Unscheinbaren".
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