Franz Jospeh van de Gassebaart

oder

Über die Vergänglichkeit der Schönheit

In dunstig grauen Nebelschwaden
saß jede Nacht in einem Laden
(einem Varieté namens „Apart“)
Franz Joseph van de Gassebaart.

Es wird sich wohl von selbst verstehen,
wie am Namen zu ersehen,
stammt dieser Mann – wohlverstanden –
aus den flachen Niederlanden.

Nun war Herr van de Gassebaart
nicht ins Varieté vernarrt
Nein, mitnichten, ihm ging’s nur
um eine dralle Weibsfigur,
die von jedem, dem sie bekannt,
nur die Josephine genannt.

Josephine sang im „Apart“
auf ihre ganz besond're Art.
Ihre Stimme rauchig tief,
hier und da ein Ton recht schief.
Doch tat dies dem Franz nicht stören,
er wollte sehen und nicht hören.
Er wollt ergötzen Aug und Herz,
da zählte nicht das Moll und Terz.

Was war denn schon ein Lied in Dur
gegen diese Weibsfigur?
Nein, Franz Joseph muss gestehen,
vom Singen tat sie nichts verstehen.

Doch wir sagn’s mal banal:
Dieses war dem Franz egal.
„Die Welt besteht“, so Gassebaart,
„in ihrer wundersamen Art,
aus vielen hässlichen Gestalten,
die sich für was Besond'res halten,
weil es ihnen tut gelingen,
ein Liedchen fehlerfrei zu singen
mit glockenhellen saub'ren Tone,
so dass sich das Hören lohne.
Von Sopranen und Tenören
bekommt man oft genug zu hören.
Doch bekomm ich Magenweh,
wenn ich die Gestalten seh.
Was hab ich vom Nachtigallentone,
wenn sich der Anblick nimmer lohne,
weil ihre Gestalt und ihr Gehabe
anmuten wie die vom Rabe?“

Wir betrachten dies hier sächlich:
Franz Joseph ist recht oberflächlich.
Doch werden wir dem Franz bisweilen
`ne lehrreiche Lektion erteilen.

Das Talent zum schönen Singen,
muss man mit ins Leben bringen,
und selbst dann bleibt’s nicht erspart,
mit viel Arbeit – müh und hart,
dieses dann, mit viel, viel Singen
aufs richtige Niveau zu bringen.
Dieses, Franz, verwechsle nicht
mit einem schönen Angesicht.

Man hier mal mit dem Zaunpfahl winke:
Denke nur mal an die Schminke,
an Korsage und unecht Haar,
mit Spray und Wachs – wie wunderbar.
Mit allen diesen künstlich Sachen
kann man schöne Menschen machen.
Doch sieh, wenn all dies plötzlich fehlt,
wer denn da wohl vor dir steht.
Es ist bekannt – hinlänglich –
Schönheit ist vergänglich.
Bei manchen hat sie über Nacht
sich bereits davongemacht,
weil ihr fehlte, zu ihrem Glücke,
Schminke, Mieder und Perücke.

Unser Franz, der scheint verloren,
hat’s wahrscheinlich mit den Ohren.
Viel' Worte haben keine Sinn,
drum hol’n wir jetzt die Josephine,
die – dem Franzen zum Verdruss -
die Lektion erteilen muss.

Der Vorhang sich nun langsam hebt,
die Fiene auf die Bühne schwebt,
dem Franzen jetzt das Herze bebt,
was Geist und Leib im Nu belebt.
Und sie hob an zu falsch’ Gesang,
der nach ihm und ihr nicht klang
und trällerte im grausam Tone
ihr „You never walk alone“

Der zweite Teil im Repertoire
handelte, wie wunderbar,
von der Schönheit mancher Weiber,
von begehrlich Frauenleiber.
Und während sie so falsch da sang,
ging ihr Aug' auf Franzen-Fang.

Dieser war ganz aus dem Häuschen,
als er sah, dass dieses Mäuschen,
seine Göttin und Ikone,
die’s zwar nicht zu hören lohne,
doch zum Götzen, oh wie wahr,
begehrlich auf ihn niedersah.

Gekonnt lasziv, verführerisch
kam sie nun zu Franzens Tisch,
und dann schob die dreiste Vettel
ihm in die Tasche einen Zettel.
Drauf stand für Franz „Gottlobe,
um Mitternacht in der Geradrobe“

Dem Franzen wurd' der Teint ganz weiß,
ihm wurd’s mal kalt, ihm wurd’s mal heiß.
Und eh der Franzen hat’s bedacht,
schlug die Turmuhr Mitternacht.

Dann raffte er sich, um zu gehen,
ums göttlich Weib ganz nah zu sehen,
taumelte trunken wie im Traum
durch den Saal zu jenem Raum,
hinter dessen Türenglas
das begehrte Weibsstück saß.

Betrachtet sich noch kurz im Spiegel,
ob alles glatt und schön geschniegelt.
Denn auch Franz, dieser Narziss,
von Eitelkeit durchtrieben ist.
Tat’s Hemd noch in die Hose stopfen,
um dann ans Türenglas zu klopfen.

Tat einen Blick, tat gleich den letzten,
mit Blindheit schlug ihn das Entsetzen.
„Wie ist mir fad, wie ist mir weh,
wie grausam das, was ich hier seh?“

Franzen war den Tränen nah,
nichts war wirklich, wie es war.
Alles Trug und Täuscherein,
das Weibsbild war nur Lug und Schein.

Auf dem Boden, welche Tücke,
lag die güldene Perücke.
Josephines Lockenwogen
waren kunstvoll hingelogen.
Und wo einst die Haarespracht
dem Franzen nun kein Härchen lacht.

Ja, auch der Busen, voll obschon,
bestand aus wabernd Silikon,
die als hautig - weiche Schalen
auf dem Vertiko dort lagen.

„Weh mir“, rief Franzen „alsodann,
diese Dame ist ein Mann“
Die Franz als Josephine kannte,
war jemand, der sich Joseph nannte.

Und die Moral von der Geschicht?
Traue deinen Augen nicht!
Es wird nicht immer gleich entdeckt,
was hinter einer Maske steckt.
Doch schön Künste, das ist gängig,
sind von Fassaden unabhängig.
Es singt der Rabe, von Fall zu Fall
wie die schöne Nachtigall.
Und der Nachtigall Gehabe
mutet bisweilen wie das vom Rabe.

© Daniela Wegert

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